Lesabeitrach von Thomas Schmidt: Berlin im Aujust 1961 – Zwischen Treptow und Tempelhof…

Berlin im Aujust 1961. Wat iss da nich allet schon drüba jeschriebn worden. Dit steht in jedem Jeschichtsbuch. Reich bebildert mit Fotos vom Brandenburjer Tor und vom Checkpoint Charlie. Wat in keenem Jeschichtsbuch steht, sind die Ainnerungen der kleenen Leute. Eena von ihnen iss Thomas Schmidt aus Greudnitz in Sachsen. Er besuchte wenije Taje vor dem historischen Datum, jenau jesacht am 8. Aujust 1961 zum erstenmal in seinem Leben Berlin. Hier alebt er die villen Facetten der Stadt. So macht „kleen“ Thomas erste Afahrungen mit der berüchtigten Berliner Schnauze und pendelt, als wenn et nüscht besonderet wär, zwischen Ost und West.
Aba lesen se selbst, bevor ick hier allet schon ausplauder…

Dienstag, 8. August 1961 – meine erste Reise nach Berlin:

Ich war 14, als ich jene Reise tat. Ziel war zunächst die Lohmühlenstraße 36 in Berlin-Treptow. Dort lebte mein um vieles älterer Bruder nebst Familie. Er war so nett, mir noch am gleichen Tag einen Teil der „unterirdischen Wirtschaft“ Berlins, sprich U-Bahn, zu zeigen. Als Zweites nahmen wir eine Eisdiele am Alex aufs Korn. Glück für uns – wir bekamen zwei Plätze. Mein Blick blieb am Nebentisch hängen. Dort saß eine ältere Dame wohl mit ihrem Enkel, womöglich ein Viertklässler. „Gaffst ´n?“, fragte dieser. „Von mein´ Eis kriste nüscht, selwafressen macht fett!“ Die Dame verpasste ihrem Enkel eine Kopfnuss. Dieser ließ sich nicht beirren. Weil ich gesenkten Kopfes schwieg, nannte er mich glatt einen Quasselkopp. Dann verließen wir die Eisdiele. Mein Bruder klärte mich darüber auf, dass Berliner Jören eben so wären. Mir ging dies sonstwo vorbei – Berlin war für mich die Stadt, und zwar nach der U-Bahnfahrt. Dann schlug mein Bruder einen Trip zum Tempelhofer Flughafen vor. Er klärte mich darüber auf, dass dieser einer der Ersten Deutschlands gewesen sei. Ich hatte schon immer einen Faible für Flugzeuge. Und dann bewegte mich die Frage, wie es denn jenseits der Zone aussehen würde. Wir nahmen also die S-Bahn und fuhren los. Die Fahrt dauerte eine viertel Stunde und das für lumpige 30 Ost-Pfennige ohne Kontrollen. Es gab sie zwar am Sektorenübergang von Treptow nach Neukölln, doch die waren leger.
Jedenfalls war das Landen und Starten der zwei- und viermotorigen Flugzeuge aus aller Herren Länder eine Augenweide. Zudem besichtigten wir eine „Junkers“ von außen und innen.
Am 9. August wiederholten wir unseren Trip. Als Erstes besuchten wir einen Süßwarenladen in Nähe des Flughafens – mein Bruder verfügte immerhin über fünf DM. Der Verkäufer am Tresen fragte: „Kommta ausse Zone? Irjendwie sieht man det! Man hört ooch, det de aus Sachsen kommst!“ Ich selbst betrachtete mich im Glas der Ladentür – meine Bekleidung war eben DDR-typisch. „Lübecka Marzelpanbrot jefällich?“, so der Verkäufer. „Jreift nur rin inne Kiste, is heute jratis!“
„Und morgen?“, fragte ich. Der Verkäufer antwortete: „Wat morjen is, weeß keene Sau, awa irjendwat liecht inne Luft! Ihr kricht beede noch jeda ´ne Tafel Sarotti jratis als Wegzehrung! Wer weeß, ob wa uns jemals wieda ankieken dürfen!“ Mein Bruder meinte, wir könnten die Schokolade nicht einfach so annehmen, doch der Verkäufer winkte ab.

Auch die Ostberliner ahnten, dass etwas in der Luft lag, doch an einen 13. August dachte niemand …

 Berlin_August_1961

 

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